Gemeinsam gegen „Kinderfeindlichkeit“

Wenn wir von Kinderrechten sprechen, meinen wir eigentlich die Rechte und Freiheiten der Gruppe, die wir Kinder nennen. Vielleicht ist es eine Klasse, wobei die Frage, ob Kinder eine Klasse sind, diskutiert wird. Und natürlich können wir, wenn wir von Kindern sprechen, nicht von einer homogenen Gruppe ausgehen. Diese „Klasse oder Gruppe Kind/er“ – die eine grosse Vielfalt an „reichen Kindern“, „armen Kindern“, „Mädchen“, „Jungen“, „kranken Kindern“, „Arbeiterkindern“ umfasst, wird trotz dieser Vielfalt allein aufgrund ihres „Status als Kind“ durch die gemeinsame Erfahrung einer unterschiedlichen Behandlung durch Erwachsene vereint.

Wie Bob Franklin feststellt, sind Kinder aufgrund ihres „Status als Kind politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, bildungspolitischen und alltäglichen Einschränkungen ausgesetzt“. Tatsächlich würde es helfen, die Doppelmoral aufzudecken, der auch Kinder ausgesetzt sind, wenn man all diese Einschränkungen durch die Linse des „Rechts, Rechte zu haben“ betrachtet, mit dem Hannah Arendt insbesondere das doppelzüngige Verhalten von Staaten gegenüber Geflüchtete entlarvt und den Begriff der Staatsbürgerschaft erweitert hat. Aber wir kehren nun zu Bob Franklin zurück…

Wir sehen, dass die von Bob Franklin angesprochenen Einschränkungen, denen Kinder ausgesetzt sind, Rechte und Freiheiten sind, die für Erwachsene als Grundrechte und Freiheiten definiert, für Kinder jedoch eingeschränkt oder sogar als legitim erachtet nicht gewährt werden.

Einige der von Franklin angesprochenen Einschränkungen der Kinderrechte, die gesellschaftlich als legitim dargestellt werden, sind die folgenden: 

  • Zum Beispiel politische Rechte. Kinder sind vom Wahlrecht ausgeschlossen. Sie dürfen keine Politik betreiben. Sie können nicht an politischen Aktionen teilnehmen. Kinder und Politik sind unvereinbar. Es wird davon ausgegangen, dass Kinder die Werkzeuge zur Veränderung und Gestaltung des Lebens nicht beherrschen. Ihr einziger Bezug zur Politik besteht, so die Annahme, darin, dass sie von ihr betroffen sind.
  • Auch in Bezug auf wirtschaftliche Rechte sind sie benachteiligt. Sie haben keine Finanzkraft, oder wenn, dann nur sehr begrenzt. Sie dürfen kein Eigentum besitzen. Sie sind vom Arbeitsmarkt gesetzlich ausgeschlossen. Es fehlt ihnen der Zugang zu und die Verfügungsmacht über finanzielle Mittel. Kinder werden zudem als Eigentum ihrer Eltern betrachtet. Sie sind eine teure Investition, in die bis zum 18. Lebensjahr viel Geld gesteckt werden muss. Deshalb stehen sie in gewisser Weise bei ihren Eltern und sogar beim Staat in der Schuld. Ähnlich werden sie auch als Eigentum des Staates betrachtet. Kinder sind die Vermögenswerte, die die Kontinuität des Staates sichern sollen. Am Beispiel der Türkei sehen wir, dass die Kinder entweder „ideale Türk*innen“ werden oder dass sie eine „rachsüchtige religiöse Generation“ bilden sollen. 
  • Auch in der Schule sind Kinder der willkürlichen Autorität der Lehrpersonen ausgesetzt. Sie können körperliche oder nicht-körperliche Strafen erhalten. Sie sind Gegenstand geheimer Akten im Bildungsbereich. Und Kinder sind gezwungen, diese Einrichtungen zu besuchen.
  • Ähnliches gilt für alle geschlossenen Institutionen. In Gefängnissen, Pflegeheimen oder Wohnheimen müssen Kinder unter der Autorität bestimmter Personen diszipliniert, bestraft, untergebracht, gepflegt und aufgezogen werden.
  • Zu Hause stehen Kinder unter ständiger Aufsicht ihrer Betreuer, im Namen von „Disziplin“, „Entwicklung“ oder „Erziehung“.1

Darüber hinaus gibt es verbreitete Rechtfertigungen, die diese Einschränkungen erklären lassen sollen. 

Einer der Gründe ist die verbreitete Wahrnehmung, dass Kinder immer mit der Zukunft verbunden sind. Nach dieser Wahrnehmung sind Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen Wesen, denen das „Heute“ genommen wurde. Die Kindheit ist ein Prozess, der so schnell wie möglich überwunden werden muss und dessen Ziel die erfolgreiche Erreichung des Erwachsenenalters ist. Dieser Prozess muss schnellstmöglich durchlaufen werden, um ein*e gute*r Bürger*in, ein gutes Kind, ein*e gute*r Arbeiter*in zu werden. Diesen Prozess zu durchlaufen ist so etwas wie ein „Status-Upgrade“. Wenn dem so ist, können die Rechte und Freiheiten, die sie heute besitzen, eingeschränkt werden, damit sie in Zukunft „gute Bürger*innen“, „gute Kinder“, „gute Arbeiter*innen“ werden. 

Dieser Zustand nimmt den Kindern jedoch ihr Heute und macht sowohl ihre wahren Bedürfnisse als auch ihr Potenzial unsichtbar.

Gibt es denn Rechte der Kinder, die nicht eingeschränkt werden, zumindest solche, deren „Recht auf Besitz“ akzeptiert wird? Selbstverständlich. Dafür muss man jedoch betrachten, wie Kinder heute weltweit und in der Türkei im wirtschaftlich-politischen System wahrgenommen werden.

Kinder werden im Allgemeinen als passive, schwache, hilflose, ständig schutzbedürftige Wesen wahrgenommen, die nicht heute, sondern erst in der Zukunft wertvoll sind. Diese Wahrnehmung ebnet Erwachsenen, dem Kapital und dem Staat den Weg, Kinder auf verschiedene Weise und in unterschiedlichem Ausmaß auszunutzen und Dominanz über sie auszuüben.

Betrachtet man die für die Türkei spezifische Wahrnehmung, sticht zusätzlich ein „scheinheiliger“ Zustand ins Auge. Einerseits wird das Kind als „das Unschuldigste“, „das Reinste“, „das Naivste“, „das Schwache und Schutzbedürftige“ angesehen, ihm werden sogar religiöse Werte wie „Engelsgleichheit“ zugeschrieben; andererseits kann es vom Staat auch als „das Gefährlichste!“ Wesen, nämlich als „Terrorist!“, betrachtet werden. Aus diesem Grund kann es getötet und jahrelang eingesperrt werden.

Die Gewährleistung der als ‚Besitzrechte‘ verstandenen Kinderrechte in der Türkei schwankt genau zwischen diesen beiden extremen Wahrnehmungen. Staat, Kapital und Erwachsene entscheiden jeweils nach ihren eigenen Interessen, aus welcher Perspektive sie diese Wahrnehmung konstruieren – manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Die Folge dieser Situation ist ein breites Spektrum an Menschenrechtsverletzungen für Kinder.

Dazu gehören Kinderarbeit, die Aussetzung von Kindern gegenüber Mobbing und Gewalt bei der Arbeit, der Tod durch Arbeitsunfälle, sexuelle Gewalt, Freiheitsentzug, mangelnder Zugang zu Bildungs- und Gesundheitsrechten, Vernachlässigung, Ausbeutung, das Überhören ihrer Stimmen und ihre Unsichtbarmachung. Beim Aufzählen fallen einem zu jedem Punkt viele Beispiele ein. Und wenn wir uns diese Verletzungen ansehen, wird deutlich, dass keine davon ein Einzelfall ist.

Vor einigen Monaten erschien ein Buch mit dem Titel Child Hatred (Kinderfeindlichkeit), das von Elisabeth Young-Bruehl verfasst und von Aksu Bora ins Türkische übersetzt wurde.

In dem Buch erklärt Bruehl, dass diese systematisch auftretenden, nicht vereinzelten Verletzungen tatsächlich mit Vorurteilen gegenüber Kindern zusammenhängen, und betont, dass eben diese Vorurteile eine zentrale Voraussetzung für die Misshandlung von Kindern darstellen.

Sie fügt hinzu, dass dieses Vorurteil auf dem „Glauben beruht, dass Kinder Eigentum sind und von Erwachsenen kontrolliert werden können (und sogar müssen), dass sie versklavt werden können und dass sie aus der Sicht entfernt werden können, um die Bedürfnisse von Erwachsenen zu befriedigen.“

Sie argumentiert, dass dieses existierende, aber unbenannte Vorurteil gegen Kinder ebenso definiert werden muss wie Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung, und dass man sich mit diesen Vorurteilen unbedingt auseinandersetzen muss.

Aksu Bora, die Übersetzerin des Buches, zog es vor, diese Vorurteile insbesondere mit dem Begriff „Kinderfeindlichkeit“ zu beschreiben. Sie sagt und belegt, dass das, was Kinder in der Türkei erleben, eine offene Feindseligkeit ist2:

  • Die Vorkommnisse in staatlichen Kinderheimen oder Gemeindehäusern.
  • Der Brand im Mädchenwohnheim in Aladağ und die danach entdeckte verschlossene Feuerschutztür, an der Kinder starben.
  • Mädchen, die im Kindesalter schwanger werden, und die Tatsache, dass darüber nicht gesprochen wird.
  • Die Vertuschung und das Ignorieren des Themas trotz der weiten Verbreitung von Kinderpornografie.
  • Häusliche Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung…

Diese Beispiele von Aksu Bora sind tatsächlich systematisch und keine Einzelfälle. Allein ein Blick auf die Nachrichten der letzten Monate zeigt dies leider deutlich:

  • Das Kind, das an die Wand gehängt wurde, weil es am Arbeitsplatz die falsche Schraube gebracht hatte.3
  • Jungen, die in dem zu den Süleymanci gehörenden Wohnheim Gewalt ausgesetzt waren.4
  • Die beiden fünfjährigen Kinder, die bei Newroz (das kurdische Neujahrsfest) festgenommen wurden, sowie die eingeleiteten Gerichtsverfahren gegen Dutzende Kinder, die an Newroz teilnehmen wollten.5
  • Die religiöse Heirat eines 6 Jährigen Mädchens in der Sekte Ismailağa und die jahrelange tägliche sexuelle Gewalt, der sie ausgesetzt war.6
  • Der Tod der 14-jährigen Dicle Nur Selçuk um 22:00 Uhr aufgrund eines Arbeitsmords in einer Verpackungsfabrik.7
  • Die Nachricht des Direktors einer Mittelschule in Osmangazi an die Lehrpersonen: „Ich bitte Sie, darauf zu achten, dass Jungen mit Jungen und Mädchen mit Mädchen sitzen.“8
  • Laut dem FİSA Kinderrechtszentrum starben allein im Oktober mindestens 75 Kinder aus vermeidbaren Gründen.9
  • Die eingereichte Klage zur Schließung des Tarlabaşı-Gemeinschaftszentrums, das sich seit Jahren für Kinder engagiert.10

Wenn man einen etwas breiteren Zeitraum betrachtet, sieht man schnell:

  • Von Sicherheitskräften getötetes Kind Fatma Eraslan, sowie der 15-jährige Muhammed und Orhan, die in Diyadin getötet wurden.
  • Rabia Naz, deren Mörder in keiner Weise gefunden wurde.
  • Der Sachverständige, der den 6-jährigen Efe verantwortlich machte und schuldig erklärte, weil ein Waschbecken auf ihn stürzte und er dabei ums Leben kam.
  • Der 13-jährige Ahmet Yıldız, der unversichert arbeiten musste und dessen Kopf in einer Maschine eingeklemmt wurde, weil der Arbeitgeber die Sensoren der Maschine manipuliert hatte, um mehr Gewinn zu erzielen.
  • Laut einem Bericht der Anwaltskammer Diyarbakır starben allein in den letzten 11 Jahren 67 Kinder durch Minen- und Kriegsmunitionsexplosionen und durch Zusammenstösse mit gepanzerten Fahrzeugen.11
  • Der syrische 9-jährige Vail El Suud, der sich das Leben nahm, weil er gemobbt wurde.
  • Die Diskussion über die Tatsache, dass die 16-jährige Sıla, die durch männliche Gewalt getötet wurde, diesen Mann im Internet kennengelernt hatte.
  • Erwachsene, die sich über Greta lustig machen, eine der Schlüsselfiguren des Klimaschutz-Aktivismus weltweit, die den Mut hatte, vor den Staaten bei den Vereinten Nationen aufzutreten und deren Kühnheit in Frage zu stellen.

Wenn wir den Text etwas verlängern wollten, könnten wir Zeugen von vielen weiteren Beispielen schlimmer Behandlung, Gewalt, Ausbeutung und vieler Verletzungen werden, denen unzählige Kinder ausgesetzt sind, wobei sich nur Namen und Orte ändern. Folglich sind wir tatsächlich mit einer systematischen „Kinderfeindlichkeit“ konfrontiert.

Was werden wir also tun, um diese Feindseligkeit zu beseitigen?

  1. Zunächst müssen wir uns unseren eigenen Vorurteilen gegenüber Kindern stellen. Sehen wir sie in jeder Hinsicht als „Wesen mit dem Recht, Rechte und Freiheiten zu besitzen“?
  2. Und die Gesellschaft, der Staat? Wessen Interessen dient es eigentlich, Kinder nicht auf diese Weise zu sehen? Den Unternehmen, also dem Kapital? Oder autoritären, herrschsüchtigen, faschistischen Regierungen? 

Deshalb müssen wir wachsam sein in Bezug auf die Tatsache, dass Kinder Subjekte mit Rechten und Freiheiten sind. Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir versuchen, die Vorkommnisse im Zusammenhang mit Kindern zu verstehen. Wir dürfen die bestehende Feindseligkeit nicht reproduzieren.

Und natürlich müssen wir die Beseitigung dieser Feindseligkeit auf verschiedene Weise fordern und diese Forderungen organisieren.

Wir müssen diese Organisation gemeinsam mit den Kindern durchführen. Wir müssen sowohl mit ihnen zusammenarbeiten als auch jede Möglichkeit schaffen, die ihre Organisation ermöglicht. Das bedeutet, wir müssen die Befreiung der Kinder gewährleisten.

Ich denke, das wird letztendlich nicht die Befreiung der Kinder ,sondern von uns allen bedeuten.12

  1.  Franklin, Bob; The New Handbook of Children’s Rights ↩︎
  2.  https://m.bianet.org/bianet/kitap/253417-meselenin-adi-cocuk-dusmanligi ↩︎
  3.  https://halktv.com.tr/cocuk-isciyi-palangaya-asan-patron-serbest-birakildi-436365h ↩︎
  4.   https://m.bianet.org/bianet/din/259633-suleymancilar-yurdunda-siddet-gorevli-gozaltina-alindi ↩︎
  5. https://m.bianet.org/bianet/insan-haklari/259657-diyarbakir-barosu-newroz-da-5-yasinda-iki-cocuk-gozaltina-alindi#:~:text=HAKKINDA%20SU%C3%87%20DUYURUSU-,Diyarbak%C4%B1r%20Barosu%3A%20Newroz’da%205%20ya%C5%9F%C4%B1nda%20iki%20%C3%A7ocuk%20g%C3%B6zalt%C4%B1na%20al%C4%B1nd%C4%B1,duyurusu%20ve%20%C5%9Fikayet%20ba%C5%9Fvurusu%20yapt%C4%B1. ↩︎
  6. https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/ismailaga-cemaatinde-cocuk-istismari-6-yasinda-evlendirdi-her-gun-cinsel-istismara-maruz-birakildi-2008535 ↩︎
  7.  https://www.evrensel.net/haber/474364/paketleme-makinesine-kapilan-14-yasindaki-cocuk-isci-dicle-nur-oldu ↩︎
  8.  https://m.bianet.org/bianet/print/259482-ortaokul-mudurunun-oturma-duzeni-talimatina-sorusturma ↩︎
  9.  https://chm.fisa.org.tr/turkiyede-cocugun-yasam-hakki-ihlalleri-ekim-ayi-bilgi-notu/ ↩︎
  10.   https://m.bianet.org/bianet/toplumsal-cinsiyet/269371-tarlabasi-toplum-merkezi-davasi-polis-ablukasinda-goruldu ↩︎
  11.   https://m.bianet.org/bianet/toplumsal-cinsiyet/269371-tarlabasi-toplum-merkezi-davasi-polis-ablukasinda-goruldu ↩︎
  12.  Genau wie Kaos GL sagt: „LGBTQ+ Menschen werden auch Heterosexuelle befreien.“ ↩︎