Kinderarbeit: Die billige Arbeitskraftquelle des Kapitals

In seinem Kapital spricht Marx von Kindern, die aufgrund ihrer kleinen Hände und Körper in der Zündholzherstellung und als Schornsteinfeger eingesetzt wurden. Die Ausbeutung der Kinderarbeitskraft und die damit verbundene Kapitalakkumulation existieren von Beginn an im kapitalistischen Produktionssystem. Kinderarbeit ist eine der grundlegendsten Dynamiken des kapitalistischen Systems und seiner Produktionsverhältnisse.

Die Existenz von Kinderarbeitern ist eine Realität, über die trotz ihres Ausmaßes kaum gesprochen wird, die in Statistiken nicht berücksichtigt wird oder deren Statistiken nur alle fünf bis zehn Jahre veröffentlicht werden.

Dabei ist Kinderarbeit eines der wichtigsten Problemfelder unserer Zeit. Ein wirksamer Kampf dagegen ist nur möglich, wenn wir die strukturellen Bedingungen erkennen, die sie hervorbringen.


Diese Realität ist nicht neu

Dass Kinder arbeiten, begann natürlich nicht mit dem Kapitalismus, aber mit dem kapitalistischen System bildete sich eine „Armee von Kinderarbeiter*innen“, die unter Zwang, zu langen Stunden, für niedrigen Lohn und ohne jegliche Sicherheit arbeiten. Denn die Kosten der Kinderarbeitskraft sind für das Kapital viel geringer. Kinder sind zudem leichter zu beherrschen. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass auch die Bildungspolitik ein Element ist, das den Kreislauf der Ausbeutung von Kinderarbeitskraft nährt. Je mehr Kinder zu Arbeiter*innen werden, desto hartnäckiger verfestigt sich Armut über Generationen hinweg. In diesem System geraten Kinder bereits in jungen Jahren in die Mühlen einer endlos erscheinenden Arbeitswelt.

Mit der Globalisierung des Kapitalismus verbreitete sich die Kinderarbeit über die ganze Welt und nimmt heute in der strukturellen Krise des Systems eine immer grausamere Form an.

Die Krise des Kapitalismus, die sich durch die Pandemie verschärfte, verstärkt den Druck auf Kapitalbesitzer, noch stärker als zuvor auf billige Arbeitskraft zurückzugreifen. Gerade auf diesem Weg steigt die Zahl der Armen lawinenartig an, während die Zahl der Superreichen weltweit ebenfalls zunimmt. Solche Perioden, wie auch Kriege, Katastrophen und Epidemien, führen zu einem Anstieg der Kinderarbeiter. Schliesslich: Welcher Arbeitgeberin würde nicht „gefügige“ Kinderarbeiter*innen bevorzugen, die dieselbe Arbeit wie Erwachsene verrichten, nur billiger und ohne Sicherheitsanforderungen?

Weltweit arbeiten insgesamt 160 Millionen Kinder, davon 63 Millionen Mädchen und 97 Millionen Jungen, das heisst jedes zehnte Kind ist Kinderarbeiter*in. Fast die Hälfte dieser Kinder, nämlich 79 Millionen, arbeiten in gefährlichen Tätigkeiten, die ihre Gesundheit und Entwicklung beeinträchtigen. Der Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und UNICEF bestätigt dies.

„Laut dem am 10. Juni 2021 veröffentlichten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und UNICEF ist die Zahl der Kinderarbeiter in den letzten vier Jahren um 8,4 Millionen auf weltweit 160 Millionen gestiegen; weitere 9 Millionen Kinder sind aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie gefährdet. Der Bericht weist auf einen signifikanten Anstieg der Zahl der Kinderarbeiter*inen im Alter von 5 bis 11 Jahren hin, die derzeit mehr als die Hälfte aller Kinderarbeiter*in weltweit ausmachen. Die Zahl der 5- bis 17-jährigen Kinder, die gefährliche Arbeiten verrichten, also Tätigkeiten, die ihre Gesundheit, Sicherheit oder moralische Entwicklung gefährden können – ist seit 2016 um 6,5 Millionen gestiegen und liegt nun bei insgesamt 79 Millionen.

Betrachtet man die regionale Verteilung der Kinderarbeit, weist Afrika mit 92 Millionen Kindern in Kinderarbeit – also etwa jedem fünften Kind – sowohl absolut als auch prozentual die höchsten Werte auf. An zweiter Stelle folgt die Asien-Pazifik-Region mit 49 Millionen Kindern in Kinderarbeit (5,6 % aller Kinder). Die übrigen Fälle verteilen sich auf Amerika (8,3 Millionen), Europa und Zentralasien (8,3 Millionen) sowie die Arabischen Länder (2,4 Millionen).

In der sektoralen Verteilung der Kinderarbeit hat die Landwirtschaft mit weitem Abstand den grössten Anteil: 70 % der Kinderarbeiter*in weltweit, das sind 112 Millionen in absoluten Zahlen. Im Dienstleistungssektor arbeiten 31,4 Millionen und in der Industrie 16,5 Millionen Kinder. Die 5- bis 11-Jährigen stellen den grössten Teil der Kinderarbeiter sowie den grössten Teil derjenigen, die in gefährlichen Jobs arbeiten. 48 % der Kinderarbeiter sind in der Altersgruppe 5-11 Jahre, 28 % in der Gruppe 12-14 Jahre und 25 % in der Gruppe 15-17 Jahre.

Laut ILO-Bericht ist die Kaffeeindustrie der grösste Sektor, in dem unter schlechten Bedingungen massiv Kinderarbeitskraft eingesetzt wird. Kolumbien, Kenia, Uganda, Mexiko und Honduras sind die führenden Länder in diesem Bereich. Dort werden Kinder für die Ernte von Kaffeebohnen eingesetzt.

Vor weniger als zwei Jahren wurde bekannt, dass Starbucks und Nestlés Nespresso Kinder unter 13 Jahren auf Kaffeeplantagen in Guatemala beschäftigten. Einige dieser Kinder waren sogar jünger als acht Jahre. Sie arbeiteten bis zu acht Stunden täglich und wurden nach dem Gewicht der von ihnen gepflückten Bohnen bezahlt. Für alle, die diese Nachricht verpasst haben: Der Tageslohn dieser Kinder reichte nicht einmal aus, um bei uns einen einzigen Latte zu kaufen.

Abgesehen von diesem Sektor gibt es weltweit Millionen von Kindern, die insbesondere in der Landwirtschaft arbeiten, zum Beispiel auf Baumwollfeldern. Einige afrikanische Länder sowie Länder wie Usbekistan und Turkmenistan sind hier führend. Auch hier werden Kinder nach dem Gewicht der von ihnen gesammelten Baumwolle bezahlt.

Ob in Bergwerken, in Ziegel- und Nagelfabriken, von der Landwirtschaft über die Industrie bis hin zum Baugewerbe und Dienstleistungssektor: Kinderarbeiter sind eine der wichtigsten Mehrwertquellen des Kapitals. Was Marx im Kapital sagte, ist immer noch die nackte Wahrheit: „Die Bourgeoisie schafft Kapital aus Kinderblut.“


Funktionieren die Bekämpfungsprogramme?

Die ILO hat angekündigt, Kinderarbeit bis 2025 beenden zu wollen. Angesichts der durch die Pandemie exponentiell gestiegenen Armut und der sich vertiefenden Kluft zwischen Reich und Arm ist jedoch offensichtlich, dass dies kaum über eine bloss „rosige“ Vorstellung hinausreichen wird. Millionen von Kindern, die in diesem Jahr keinen Zugang zu Bildung hatten, sind längst in die Mühlen des Kapitals geraten. Zudem ist es nicht schwer vorherzusagen, dass diese Aussagen rein verbal bleiben werden, da die Kapitalkräfte jener Staaten, die behaupten, die Kinderarbeit bekämpfen zu wollen, gerade diejenigen sind, die Kinderarbeiter*in beschäftigen.

Die glänzenden Kleidungsstücke, Accessoires und Juwelen, die die Schaufenster der schillernden Geschäfte Europas schmücken, existieren durch die Ausbeutung der Arbeitskraft armer Länder durch die entwickelten kapitalistischen Länder. In jedem dieser Güter steckt die Arbeit und das Blut der Kinder.

Im historischen Verlauf des Kapitalismus spielt das Recht eine zentrale Rolle bei der Rationalisierung von Markt und Produktion. Eine wesentliche Funktion der Rechtsstruktur, dazu zählen Kodifizierungen, Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, besteht darin, den Arbeitsplatz und die Arbeitskraft zu disziplinieren sowie die gesellschaftliche Reproduktion und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufrechtzuerhalten.

Dies beinhaltet auch die Normalisierung von „wirklich entsetzlichen“ Ausbeutungsverhältnissen.

Daher würde die Anwendung der Gesetze und unterzeichneten Konventionen zur Verhinderung der Ausbeutung von Kinderarbeit bedeuten, dass diejenigen, die diese Vereinbarungen verfasst und unterzeichnet haben, den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Der Kapitalismus hat sich jedoch von Anfang an auf Kinderarbeit gestützt.

Marx spricht im Kapital von Kindern, die aufgrund ihrer kleinen Hände und Körper in der Zündholzherstellung und als Schornsteinfeger eingesetzt wurden. Die Ausbeutung der Kinderarbeitskraft und die damit verbundene Akkumulation existieren von Beginn an im kapitalistischen Produktionssystem. Kinderarbeit ist eine der grundlegendsten Dynamiken des kapitalistischen Systems und seiner Produktionsverhältnisse.

In diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass viele Gesetze und Vorschriften angesichts dieser Zahlen kaum Wirkung zeigen, sobald die Interessen des Kapitals berührt sind. Ähnliches gilt für den Kampf gegen Kinderarbeit: Während die ILO jedes Jahr erklärt, die Kinderarbeit beenden zu wollen, und seitenlange Bekämpfungsprogramme veröffentlicht, steigen die Zahlen der Kinderarbeit exponentiell an.


 Mit zunehmender Armut steigt auch die Kinderarbeit

Der Anstieg der Kinderarbeit hat viele Ursachen, aber die fundamentalste ist die Armut. Armut können wir jedoch nicht allein betrachten. Wir müssen die strukturellen Ursachen sehen, die Armut erzeugen. Denn dies beeinflusst unsere Sichtweise auf Armut und Kinderarbeit sowie unsere Art, sie zu bekämpfen.

Der Kapitalismus ist ein System, das kontinuierlich Armut produziert, d. h., es ist ein dem System immanentes Problem. Armut ist im Kapitalismus dauerhaft. Die Krisen, in die das System gerät, insbesondere Wirtschaftskrisen, verstärken die Armut; die Einkommensverteilung verschlechtert sich, das Verteilungsproblem vertieft sich. Armut existiert natürlich auch ohne Krisen, aber Krisen verschärfen sie. Das System reproduziert diese Armut immer wieder neu. Dies ist ein grundlegendes Problem, das sich nicht durch Sozialversicherungs- oder Hilfspakete lösen lässt. Denn sie existiert zusammen mit ihrem Gegenteil: dem Reichtum. Mit zunehmendem Reichtum vertieft sich die Armut.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir in diesem Zusammenhang die Armut als grundlegende Ursache des Problems benennen und die dahinterliegenden Zusammenhänge verstehen müssen, um die Interessen der Kinder wirksam verteidigen und entsprechende politische Massnahmen entwickeln zu können. Denn dieselbe Armut ist auch direkt mit der Einkommensverteilung, den Steuern und dem Haushalt verbunden. Im Kapitalismus sind Einkommen und Vermögen ungleich verteilt. Diese ungleiche Verteilung hat sich durch neoliberale Politik vertieft und vertieft sich weiter.

In diesem Rahmen wird es nun sinnvoller, den Fokus auf die Türkei zu lenken.


Türkei: „Paradies der billigen Arbeitskraft!“

Die Türkei wurde schon lange in ein „Paradies der billigen Arbeitskraft“ für den Kapitalismus verwandelt. Von den Handelskammern bis zur Regierung sprechen alle diese offen aus, die durch diese Arbeitskraft reich werden. Investoren aus Europa werden sogar aufgerufen: Kommt her und gründet Fabriken, bei uns ist die Arbeitskraft billig, der Mindestlohn niedrig.

Diese anhaltende Situation hat den Appetit des Kapitals, das unter Pandemiebedingungen geschwächt war, weiter angeregt; der Kapitalismus, der seine strukturelle Krise seit langem nicht überwinden kann, nutzte die Pandemie als Chance, um die Ausbeutung zu verstärken. Der Staat hat an dieser Stelle die gesamte von den Arbeitgeber*innen benötigte Unterstützung geleistet. Billige, flexible, unsichere Arbeitskraft hat sich weiter verbreitet.

Mit steigender Inflation sank die Kaufkraft, die Gehälter schmolzen bereits vor der Supermarkttür dahin. Die Armut verwandelte sich in eine lodernde Feuerkugel mitten im Land. Diese Feuerkugel trifft jedes Haus, sie verursacht Schmerz. Auf der anderen Seite gibt es die Realität, dass die Existenz des Kapitalismus Arbeitslosigkeit produziert. Unter diesen Bedingungen stieg in unserem Land mit über 10 Millionen Arbeitslosen die Zahl derer, die „jeden Job“ annehmen und für einen Betrag arbeiten müssen, der „besser als nichts“ ist.

Dieser gesamte Verarmungsprozess – niedrige Einkommen, Leben am Existenzminimum – wirkt sich direkt auf die Kinderarbeit aus. Laut dem Bericht „TÜİK, Ergebnisse der Kinderarbeitskräfteerhebung, 2019“ arbeiteten im Land etwa 720.000 Kinder, hauptsächlich in der Landwirtschaft. Wir haben keine klaren Daten ausserhalb offizieller Quellen. Aber wenn man bedenkt, dass diese Zahlen saisonale Effekte (insbesondere in der Landwirtschaft) enthalten, dass nicht registrierte Arbeiter*innen nicht in diesen Daten enthalten sind und dass in den letzten Jahren insbesondere geflüchtete kinder aus Syrien oder Usbekistan, also grösstenteils nicht registrierte Kinder, arbeiten, kann man sagen, dass die tatsächliche Zahl mindestens doppelt so hoch ist wie die veröffentlichte.

Laut den Berichten über Arbeitsmorde der İSİG (Versammlung für Arbeitsgesundheit und Arbeitssicherheit):

  1. Die TÜİK-Daten (720.000 Personen) verschleiern das wahre Ausmass der Kinderarbeit. Die Statistiken, die als Beleg für eine Abnahme der Kinderarbeit dienen, ignorieren die Hauptgruppen der Kinderarbeiter, nämlich 1,5 Millionen Auszubildende, Praktikant*innen und Schüler*innen in der Berufsausbildung. Darüber hinaus werden die Erhebungen zur Kinderarbeitskraft nicht in den Sommermonaten durchgeführt, sondern in der Türkei saisonal zwischen Oktober und Dezember, wenn die Kinderarbeit am geringsten ist, was das wahre Ausmass der Kinderarbeit verschleiert.
  2. Wir haben 9 Kinder identifiziert, die im Alter von 4 und 5 Jahren bei der Arbeit gestorben sind. Dies bedeutet, dass Kinderarbeit in diesem Alter beginnt. Dass in dieser Altersgruppe Todesfälle auftreten, aber „keine arbeitenden Kinder im Alter von 5 Jahren beobachtet wurden“, lässt uns den Umfang dieser Erhebungen erneut hinterfragen.
  3. 65,7 % der Todesfälle von Kinderarbeiter*innen entfallen auf die Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen, während dieser Anteil bei den 14-Jährigen und Jüngeren 34,3 % beträgt.
  4. Die Missachtung der 1,5 Millionen Kinder, die in Ausbildung, Praktika und beruflicher Bildung sind (siehe Punkt 1), verzerrt auch die Informationen zur Bildung. Das 4+4+4-Bildungssystem hat in diesem Prozess eine wichtige Dynamik geschaffen. Laut der von Eğitim-Sen erstellten Umfrage „Auswirkungen von Konflikten auf Bildung und Lehrer*innen“ gab es im Schuljahr 2011/2012, als diese Regelung begann, nur 45 private Berufsoberschulen in der Türkei; in den letzten drei Jahren ist die Zahl der Schulen infolge direkter staatlicher Unterstützung und Anreize um das Zehnfache und die Zahl der Schüler an privaten Berufsoberschulen um das 17,5-fache gestiegen. Zudem gibt das Bildungsministerium (MEB) an, dass etwa 440.000 schulpflichtige Kinder, die stattdessen arbeiten, als „nicht erreichbar“ eingestuft werden.
  5. 57,3 % der bei Arbeitsmorden getöteten Kinder arbeiteten in der Landwirtschaft, 19,5 % in der Industrie, 12,8 % im Dienstleistungssektor und 10,4 % im Baugewerbe.
  6. 77,4 % der bei Arbeitsmorden getöteten Kinder waren Lohn- oder Tagelöhner, 32,6 % waren unbezahlte Familienarbeitskräfte/Selbstständige (20 % Bauern und 12,6 % Kleingewerbetreibende).

Mit zunehmender Armut und Arbeitslosigkeit sowie sinkender Kaufkraft und Haushaltseinkommen steigt die Notwendigkeit für Kinder zu arbeiten. Diese Armut gleicht einem Strudel, der Kinder am stärksten hineinzieht!

Die Ursache der Armut sind natürlich die kapitalistischen Produktions- und Verteilungsverhältnisse. Innerhalb dieses Systems müssen die Kinder von Arbeiter*innen und Werktätigen mehr arbeiten und werden dazu gedrängt, wenn das Einkommen im Haushalt sinkt. Es wird für sie zur Notwendigkeit. Bei Umfragen geben Kinderarbeiter*innen meistens an, „ihre Familie unterstützen zu wollen“. Das Kapital wiederum bevorzugt die billige und „gefügige“ Arbeitskraft noch mehr. Unter diesen Umständen nimmt die Kinderarbeit exponentiell zu.

Wenn wir die Frage so betrachten, wird es vielleicht klarer: Welche Kinder müssen arbeiten? Welche Kinder sterben bei der Arbeit? Welche Kinder gehen hungrig zur Schule?

Es sind die Kinder der Arbeiter*innen, der Werktätigen, des Volkes. Das Kind eines Arbeitgebers wird man nicht in der Fabrik oder auf dem Feld sehen!

Kriege, Migration und Katastrophen wirken sich mindestens genauso direkt auf die Verwandlung von Kindern in Arbeiter*innen aus wie Wirtschaftskrisen. Insbesondere die Kinder von Familien, die infolge der Landflucht verarmen und zu Arbeiter*innen werden, sind gezwungen, schon in jungen Jahren, bestenfalls noch im Teenageralter, schwere Arbeiten zu verrichten. Bis vor einigen Jahren mussten in der Türkei insbesondere die Kinder armer kurdischer Familien in den Städten arbeiten.

Inzwischen kommen die geflüchteten Kinder hinzu. Sehr viele geflüchtete Kinder ohne offizielle Registrierung arbeiten auf der Strassee, in Fabriken oder Werkstätten. Diese Kinder haben meist keine soziale Versicherung. Es gibt auch keine gesetzliche Grundlage, um Rechenschaft zu fordern, wenn ihnen etwas zustößt. Das heisst, geflüchtete Kinder stehen ganz unten in dieser breiten Pyramide.

Es wird geschätzt, dass die Zahl der in der Türkei lebenden syrischen und afghanischen Geflüchteten zusammen mit den nicht registrierten Migrant*innen bei etwa sechs Millionen liegt. Ein erheblicher Teil dieser Bevölkerung, nämlich migrantische Kinder, wird täglich und unsicher in Sektoren wie Landwirtschaft, Industrie, Bauwesen und Handel in den Arbeitsmarkt integriert. Für die Arbeitgebenden bedeutet dies eine zusätzliche Masse an Kinderarbeiter*innen, mit denen es keine Möglichkeit zur Lohnverhandlung gibt, deren Löhne sie unvollständig oder verspätet zahlen können, denen sie Gewalt antun können, wenn sie ihre Rechte fordern, und die sie zur Zwangsarbeit verpflichten können.


Was arbeiten diese Kinder?

Es ist angebracht, mit den Kindern zu beginnen, die als saisonale Landarbeiter*innen tätig sind. Insbesondere die armen Familien aus den kurdischen Provinzen verlassen im Frühjahr ihre Wohnorte und kommen in landwirtschaftliche Gebiete, um zu arbeiten, wodurch mindestens eine Million Kinder auf den Feldern arbeiten. Ein Teil dieser Kinder arbeiten auf dem Feld ihrer eigenen Familie, der Großteil jedoch auf den Feldern oder in den Gärten anderer Menschen. Während sie in den südlichen Provinzen des Landes auf den Feldern arbeiten, sehen wir, dass Kinder in den Schwarzmeerregionen hauptsächlich Haselnüsse ernten. Kinder, die mit ihren Familien zur Arbeit gehen, müssen die Schule früh verlassen und kehren später als ihre Schulfreund*innen zurück. Während die Arbeitszeit der Kinder hier vor der Pandemie relativ kürzer war, hat sie sich durch die Pandemie verlängert. In der Zeit, in der die Schulen geschlossen waren, mussten mehr Kinder in der Landwirtschaft arbeiten, und die Arbeitsmonate wurden ebenfalls verlängert. Man erinnere sich: Damals wurde die „Wahl“, ob die Kinder zur Schule geschickt werden sollten, den Familien überlassen!

Sie verrichten viele Arbeiten, vom Baumwollsammeln bis zum Hacken, unter denselben Bedingungen wie Erwachsene. Dies ist auch der Bereich, in dem die Kinder am häufigsten ihr Leben durch Arbeitsmord verlieren. Jedes Jahr sterben mindestens 10 Kinder in der Landwirtschaft, weil sie in einen Bewässerungskanal fallen oder von einem landwirtschaftlichen Gerät begraben werden. Darüber hinaus sind die Kinder in diesem Arbeitsbereich stark Chemikalien ausgesetzt, werden von Insekten gestochen, erkranken an verschiedenen Krankheiten durch die Arbeit unter der Sonne oder verletzen sich durch Stürze aus der Höhe.

Der zweite Bereich, in dem Kinder in der Türkei arbeiten, ist die Industrie. Kinderarbeiter*innen arbeiten in vielen Bereichen, von organisierten Industriezonen über Produktionsfabriken bis hin zu Werkstätten, unter denselben Bedingungen und Arbeitszeiten wie Erwachsene. Kinderarbeiter*innen in der Industrie müssen schwere Arbeiten verrichten und werden zu langen Arbeitszeiten gezwungen, sogar zu Nachtschichten. Während dieser Zeit bewegen sie sich zwischen gefährlichen Maschinen, sind chemischen Farben oder Materialien sowie hohem Lärm ausgesetzt und tragen schwere Lasten.

Hier ist es sinnvoll, auf das Thema des Lehrlingswesens einzugehen. Denn wenn man von Industrie spricht, denkt man an Lehrlinge; diese Kinder werden oft einem Meister „in die Hand gegeben“, mit der Redewendung „dein Fleisch ist mein, deine Knochen sind mein“; sie sollen einen Beruf erlernen und gleichzeitig ihr Taschengeld verdienen. So sind sie nicht untätig. Dies mag für die Zeit der Entwicklung des Kapitalismus und davor zutreffend gewesen sein, aber im gegenwärtigen Stadium hat sich das Lehrlingswesen in einen Teil des Arbeiterwerdungsprozesses verwandelt, in eine Tätigkeit, die intensive Ausbeutung der Arbeitskraft, Vernachlässigung und Missbrauch beinhaltet. Während Kinder in der Ausbildung eigentlich so arbeiten sollten, dass ihre Bildung und sozialen Aktivitäten nicht beeinträchtigt werden, ist die Realität eine ganz andere. Lehrlinge in der Industrie und in Werkstätten werden zu den schwersten Arbeiten herangezogen, sind emotionaler und körperlicher Gewalt durch Meister, Gesellen und andere Erwachsene ausgesetzt, können missbraucht werden, werden ihrer Entwicklung entsprechend nicht ernährt und müssen lange Stunden arbeiten. Und meistens erhalten sie nur einen sehr geringen Lohn; warum? Weil sie Lehrlinge sind! Dasselbe gilt für Berufsschulen. Die Jugendlichen dort decken unter dem Deckmantel des Praktikums den Bedarf an billiger Arbeitskraft. So werden sie schnell zu Arbeiter*innen und geraten in den Ausbeutungszyklus des Kapitals. Dass Berufsschulen heute in Industriegebieten gebaut werden und die dort ausgebildeten Jugendlichen zugleich zu Arbeiter*innen gemacht werden, ist kein Zufall. Vielmehr zeigt es, dass Berufsschulen eine Bildungsstufe darstellen, die sich nach den Bedürfnissen des Kapitals richtet und Armut sowie das Arbeiterdasein weiter verfestigt.

Das nackteste Beispiel für die Legitimierung und Verbreitung von Kinderarbeit unter dem Namen Berufsbildung kam kürzlich mit dem zwischen dem MEB (Bildungsministerium) und A101 unterzeichneten Protokoll ans Licht. Demnach sollten Schüler vier Tage pro Woche bei den A-101-Supermarktketten arbeiten und einen Tag in der Schule verbringen, um „Berufsbildung und Beschäftigungsprozesse durch die Einbeziehung von Mitarbeiter*innen des Sektors in den Bildungsprozess über berufliche Bildungszentren (MESEM) umzusetzen“. Nach Protesten wurde das Protokoll annulliert. Doch dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal gewesen sein!

Schon seit der Özal-Ära werden Berufsschüler in diesem Land als billige Arbeitskraft an das Kapital vermarktet. Das MEB hat dabei die Vermittlerrolle übernommen und die Kinderarbeit auf legalem Wege verstärkt. Im Oktober 2022 stieg die Zahl der Kinder, die in MESEM „unterrichtet“ wurden, auf 900.000. Dieses vom Staat als „Erfolg“ dargestellte Bild ist in Wirklichkeit die Legalisierung der Ausbeutung von Kinderarbeit.

Neben der Landwirtschaft und der Industrie ist der dritte Bereich der Dienstleistungssektor. Die Zahl der in diesem Sektor arbeitenden Kinder ist ebenfalls sehr hoch. Ein Teil der Kinder besucht gleichzeitig die Schule und arbeitet in Friseursalons, Cafés oder Lebensmittelgeschäften, ein Teil muss die Schule abbrechen. Ein grosser Teil der Kinder im Dienstleistungssektor arbeiten in Hotels. Die Kinder verrichten dort meist „Botendienste“, sind aber intensiver Ausbeutung ihrer Arbeitskraft ausgesetzt. Sie arbeiten oft bei Bekannten, sind aber auch dort viel Gewalt und Rechtsverletzungen ausgesetzt.

Mit der Vertiefung der Armut und dem Anstieg der Arbeitslosigkeit aufgrund der Pandemie hat sich die Zahl der Kinder, die als Motorradkuriere arbeiten, vervielfacht. Dasselbe gilt für Kinder, die auf dem Bau arbeiten.

Abgesehen von diesen Bereichen gibt es noch Orte, an denen Kinder arbeiten, aber kaum sichtbar sind. Genauer gesagt sind sie sichtbar, aber die Tatsache, dass sie dort für geringen Lohn ausgebeutet werden, ist nicht sichtbar. Zum Beispiel Kinder, die auf der Strasse arbeiten. Ein Teil der Kinder, die wir auf der Straße sehen, haben eigentlich ein Zuhause, in das sie abends zurückkehren könnten; sie sind auf der Strasse, weil sie arbeiten müssen/gezwungen werden. Ein Teil von ihnen leben auf der Strasse. Aber auch sie arbeiten, werden zur Arbeit gezwungen. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit streifen sie auf Autobahnen umher, verkaufen Taschentücher oder Wasser oder putzen Autoscheiben. Ein Teil sammeln Papier, ein Teil machen Musik mit einem Instrument, das sie in der Hand halten.

Die Strasse ist einer der unsichersten Orte für Kinder. Kinder, die auf der Strasse arbeiten, sind jeder Art von Gewalt ausgesetzt. Die Gefahr, von Autos angefahren zu werden, oder Verletzungen durch Stürze sind vielleicht das Erste, was einem in den Sinn kommt. Aber diese Kinder sind häufig körperlicher Gewalt durch Erwachsene in ihrem Umfeld ausgesetzt, und nicht selten auch Übergriffen durch Ordnungskräfte, die scheinbar nur „ihre Pflicht erfüllen“. Sie werden auch emotional oder sexuell missbraucht, leiden unter Ernährungs- und Gesundheitsproblemen. Gleichzeitig sind sie anfällig dafür, in die Kriminalität einzusteigen. Das Geld, das sie den ganzen Tag verdienen, geben sie meist direkt ihren Familien oder den Erwachsenen, unter deren Anleitung sie stehen. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass sie weit davon entfernt sind, Bildung zu erhalten oder ihre Kindheit frei zu leben…

Ein weiterer Industriezweig, der Kinderarbeit ausbeutet, ist der Bergbau. Marx spricht im Kapital von Kindern, die in Bergwerken eingesetzt wurden, weil sie aufgrund ihrer kleineren Körper in die engen Erzadern unter der Erde passten. Millionen von Kindern arbeiten weltweit immer noch in Bergwerken. In der Türkei ist die Situation leider nicht anders. Laut einer 2014 von TÜİK veröffentlichten Studie sind mindestens 5 % der Arbeiter*innen in Kohle- und Braunkohlebergwerken Kinderarbeiter*innen. Wenn man andere Bergwerke hinzu zählt, ist es wahrscheinlich, dass die Zahl von über 5.000 Kindern in der Zwischenzeit nicht gesunken, sondern gestiegen ist. Die Mehrheit der dort arbeitenden Kinder ist zwischen 15 und 18 Jahre alt, und 85 % arbeiten nicht registriert. Besonders in illegalen Bergwerken werden viele Kinder beschäftigt.


Die Beendigung der Kinderarbeit ist möglich

Ja, Kinderarbeit ist eine Realität. Und zwar eine schmerzhafte. Es gibt viele internationale Konventionen zur Bekämpfung dieser Realität. Viele Konventionen, allen voran die Kinderrechtskonvention, fordern das Verbot der Arbeit bis zu einem bestimmten Alter. Das Alter kann je nach Konvention variieren.

In der Türkei ist die Beschäftigung von Kinderarbeitern durch das Arbeitsgesetz Nr. 4857 und die Verordnung über die Verfahren und Grundsätze für die Beschäftigung von Kinder- und Jugendlichen geregelt. Der rechtliche Rahmen erlaubt grundsätzlich die Beschäftigung von Kindern ab 14 Jahren in leichten und sicheren Jobs, sofern dies ihre Schulausbildung nicht beeinträchtigt, verbietet jedoch explizit die Beschäftigung in Bereichen wie Bergbau, Kabelverlegung, Kanalisation und Tunnelbau.

Die Realität entspricht nicht den Gesetzen. Kinder, sogar Kinder unter 14 Jahren, werden zu schweren Arbeiten gezwungen und zu geringerem Lohn verurteilt, nur weil sie Kinder sind. Es gibt unzureichende statistische Forschung in diesem Bereich. Die Kontrollmechanismen sind gering, und es werden so gut wie keine Strafen verhängt, wenn die Beschäftigung von Kinderarbeiter*innen trotz Verbots festgestellt wird. Kinderarbeiter*innen, die Opfer von Rechtsverletzungen werden, erhalten keine Garantie oder Schutz, auf den sie sich berufen könnten.

Wir sagten, dass die Arbeit der Kinder nicht neu ist. Aber ihre Arbeit und ihre Verwandlung in Arbeiter*innen, die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch das Kapital, sind nicht dasselbe. Kinder können leichte und sichere Arbeiten verrichten, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen, ohne ihre körperliche, geistige und psychosoziale Entwicklung sowie ihre Bildung zu behindern und ohne ihnen ihre Kindheit und ihr Spiel zu stehlen; sie können ihrer Familie helfen, lernen und sich an diesen Arbeiten beteiligen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es ist lediglich notwendig, zwei Dinge zu betonen: Die geschlechtsspezifische Aufteilung der Hausarbeit und der Arbeit im Allgemeinen spiegelt sich auch bei den Kindern wider. Mädchen und Jungen werden zu unterschiedlichen Arbeiten angeleitet. Auch dies muss gesondert bekämpft und verändert werden. Und die andere Sache ist die Regel, die auch für diese Arbeiten gilt: Kinder müssen ihre Kindheit leben. Kinder müssen vor allem Rechte erlangen, die ihr Potenzial freisetzen und ihre Subjektwerdung ermöglichen.

Was wir verbieten und ablehnen müssen, ist die Beschäftigung und Ausbeutung von Kindern als Arbeiter*innen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise. Dass sie in die Mühlen des Kapitals eingegliedert werden und ihre Kindheit schnell verlieren. Dass sie nur deshalb leichter, schneller und billiger zu Arbeiter*innen gemacht werden, weil sie Kinder sind.

In diesem Rahmen ist klar, dass die Beendigung der Ausbeutung von Kinderarbeit nicht durch die Reduzierung auf einen von der Armut losgelösten Kontext und die Erhöhung einiger Sozialleistungen gelöst werden kann. Kinderarbeit ist ein Ausbeutungsbereich, der untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden ist. Solange dieses System existiert, wird die Arbeit der Kinder auf die eine oder andere Weise ausgebeutet werden. Das ist die Konsequenz dieses Produktionssystems: Kinderarbeiter*innen, Kinder, die bei der Arbeit sterben und hungrig zur Schule gehen!

Daher müssen wir das Problem heute aus der Perspektive der radikalen Veränderung des Systems betrachten, zusätzlich zur Durchsetzung aller rechtlichen und gesetzlichen Prozesse gegen die Ausbeutung der Kinderarbeit, der Beendigung der Straflosigkeitspolitik und der Einleitung dringender Massnahmen für arbeitende Kinder. Denn nur in einer klassenlosen Gesellschaft kann die Ausbeutung der Kinder der Arbeiter*innenklasse durch das Kapital überwunden werden.

„Dieser Artikel wurde basierend auf dem Beitrag https://elyazmalari.com/2021/05/04/cocuk-isciler-topraktan-demirden-bir-de-kagittan-hayatlar/  auf der Website ElYazmaları entwickelt.“

1  Global Estimates 2020, Trends and the Road Forward, International Labour Organization and United Nations Children’s Fund (2021)

2 https://www.ilo.org/ankara/projects/child-labour/lang–tr/index.htm

https://mavidefter.net/dantenin-cehenneminden-daha-beter-cocuk-iscilik/

https://www.isigmeclisi.org/20793-211-i-14-yas-ve-alti-405-i-15-17-yas-grubunda-olmak-uzere-son-on-yi

5 https://www.isigmeclisi.org/20793-211-i-14-yas-ve-alti-405-i-15-17-yas-grubunda-olmak-uzere-son-on-yi